Der Handschlag, der keiner ist

A photo from 2003, my old laptop with my connection to the internet from yesterday

Abstract: Social-Media-Companies like Facebook and Whatsapp will continue to search for new possibilities to make money with the data from their users; particularly when their business models won't be that successful anymore. Probably they will sail close to the wind to survive - as does the german company GMX, which offers e-mail-accounts and has a lot of users, but not much income.

Es gibt die diejenigen, die schon immer davor warnen: Davor, seine Daten leichtfertig Firmen in den Rachen zu schmeißen, Payback-Karten zu nutzen, sich bei Facebook anzumelden, Twitter zu nutzen, Apple-Produkte zu kaufen. Und die anderen, die das alles für übertrieben halten, „nichts zu verbergen haben“ und daran glauben, dass in einem Rechtsstaat doch keine Gefahr besteht, mit solchen Informationen Schindluder zu treiben. Bisher bin ich zwischen diesen beiden Fraktionen geschwommen.

Eine Erfahrung, die ich zuletzt mit GMX, dem Anbieter meines Mailaccounts, gemacht habe, lässt mich allerdings mit düsteren Vorahnungen für die Zukunft zurück. Ich nutze meine Mailadresse schon seit etwa 2003. Das sind mehr als zehn Jahre – damals gab es weder Facebook, noch Whatsapp, noch Twitter, noch nicht einmal Handys, mit denen sich das Internet nutzen ließ. Statt Google habe ich als Standardbrowser Yahoo benutzt.

Der Account bei GMX kostete nichts, Geld nahm die Firma augenscheinlich durch Anzeigen ein. Dass das Geschäftsmodell heute nicht mehr trägt, liegt wohl auch daran, dass sich kaum jemand auf der Website eingeloggt, um seine Mails zu checken. Daher haben die Werbemails von GMX im Postfach in den letzten Jahren auch stetig zugenommen. So sehr, dass manche ihren Spamfilter auf diese Nachrichten ausgeweitet haben.

Kurz gesagt, die klassischen Anbieter von Mailaccounts, wie web.de, Freenet und GMX, sind nicht rentabel, verfügen aber über ein kostbares Gut: Die Mailadressen eines Großteils der deutschen Bevölkerung, der diese oft seit mehr als einem Jahrzehnt nutzt. Mit diesen Mailadressen haben sich die Nutzer in zahlreichen Anwendungen angemeldet, sie sind in den Postfächern von Freunden, Bekannten und professionellen Kontakten gespeichert. Seine Mailadresse zu ändern, ist heute oft eine größere Herausforderung, als die neue Adresse nach einem Umzug zu kommunizieren. Eine perfekte Kundenbindung also.

Kaum einer weiß, dass die drei oben genannten Firmen web.de, Freenet und GMX inzwischen zu ein und demselben Konzern gehören: zu dem Unternehmen 1&1. Dieses kauft in den letzten Jahren systematisch die Anbieter von Mail-Postfächern auf. Die ehemals unabhängigen Unternehmen gehören nun zur 1&1 Dachfirma „United Internet“. Alles gut, könnte man meinen. 1&1 will ja laut eigenen Aussagen „die hohe Qualität von deutschen Internet-Produkten … , insbesondere bei Datenschutz und Datensicherheit, Produktqualität, Zuverlässigkeit und Erreichbarkeit“ wahren.

Die Kehrseite der Medaille durfte ich vor kurzem erleben, als ich erfuhr, dass ich plötzlich einen kostenpflichtigen GMX-Account besitze, dessen Vertrag ich angeblich online abgeschlossen hatte. Selbst wenn ich versehentlich einen falschen Knopf gedrückt haben sollte – was ich nicht glaube –, ist es sehr verwunderlich, dass ich von diesem Vertrag erst erfahren habe, als ich mich über Abbuchungen von meinem Konto gewundert habe. GMX hat dafür eine Einzugsermächtigung genutzt, die ich vor vielen, vielen Jahren für die Nutzung eines SMS-Services gegeben hatte. Dieser Service besteht schon seit mehreren Jahren nicht mehr – die Einzugsermächtigung scheinbar schon.

Der Kundenservice von GMX ist offensichtlich darauf geschult, Anrufe, die sich über das Vorgehen beschweren, professionell abzublocken. Immer wieder wird betont, dass im Internet Verträge, die quasi per Handschlag abgeschlossen werden, gültig sind, und dass ich innerhalb einer Frist ja kündigen hätte können. Mein Gegenargument, dass ich von dem Vertrag nichts wusste, wird ignoriert: Ich hätte mich ja bei GMX einloggen und meinen Vertragsstatus überprüfen können.

Der Vertrag per Handschlag ist bei GMX zu einem Vertrag geworden, bei dem die Hand zum Schlag gar nicht ausgestreckt werden muss. Damit soll das Unternehmen für 1&1 vielleicht wieder rentabel werden.

Die Methoden zeigen, wie ein einst erfolgreiches Internetunternehmen, das über wenig Möglichkeiten zur Rendite verfügt, mit dem Vertrauen und den persönlichen Daten ihrer Kunden umgeht. Was passiert, wenn Facebook eines Tages von einem anderen Unternehmen in die Enge getrieben wird? Was passiert, wenn WhatsApp nach Möglichkeiten sucht, mehr Umsatz zu machen? Es geht nicht um den Augenblick, es geht um die Zukunft. Denn was in zehn Jahren ist, lässt sich beim besten Willen nicht absehen.

 


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