04.07.2010 | Aggregatszustände

Es gibt leichten Regen, es gibt starken Regen, und es gibt Japan, wo die feuchte Luft plötzlich kondensiert und auf die Erde platscht, um danach ruckzuck wieder feuchte Luft zu werden. Dass man durch solche Wetterlaunen bisweilen pitschnass wird, stört dabei kaum, denn der schwül-heiße Juli treibt allen Nicht-Japanern ohnehin faustdicke Schweißperlen auf die Stirn. Wie es die Einheimischen schaffen, trotz dieses Wetters noch langärmlig oder gar mit Sakko herumzulaufen, ist hingegen ein Geheimnis. Möglicherweise sind ins Futter ein paar Kühlakkus eingenäht. Wer die “fortgeschrittene” japanische Kühltechnik kennt, würde sich über einen solchen Clou nicht wundern. Alternative für Menschen, die lieber ihre Häuser als ihre Körper dick einpacken: Möglichst leichte Kleidung und riskieren, zwischen den chicen Japanern wie ein verirrter Strandurlauber zu wirken.



Die tägliche Dusche, mit der man zur Regenzeit rechnen muss, ist zunächst erfrischend, wird aber schnell zum Problem, wenn man danach einen auf Normaltemperatur heruntergekühlten Supermarkt betritt oder mit der U-Bahn fährt. Auch hier bewahren die durchnässten Japaner Haltung, während man sich selbst das Schlottern kaum verkneifen kann und sich ausnahmsweise wünscht, es wäre drinnen so warm wie draußen. Heute – einer dieser mit allen möglichen Varianten von Feuchtigkeit gesegneten Tage – habe ich den Kälteschock in der U-Bahn umgehend mit einer glühend heißen, scharfen Nudelsuppe bekämpft, wodurch mir ein bisschen schwindelig wurde, so dass ich mich wieder unter eine Klimaanlage setzen und Eiswasser trinken musste.
Vielleicht war der Schwindel aber auch die Nachwirkung der heute abgelegten Japanisch-Prüfung, bei der ich zweieinhalb Stunden lang hinter dem Rücken eines breit gewachsenen Amerikaners verschwand, den schon allein die Reibungswärme in der viel zu engen Hörsaalbank zum Transpirieren zwang.



Dass ich heute eine Prüfung abgelegt habe, hat mich gestern aber nicht daran gehindert, noch das wunderschöne Fußballspiel zu sehen (um mal wieder auf ein Thema zu kommen, über das ich nur hier schreiben kann, da mich mangels Kompetenz niemand für entsprechende Artikel bezahlt). Nachdem ich bestürzt feststellen musste, dass der japanische Sender, der bisher die WM-Spiele übertragen hat, plötzlich Wimbledon zeigt, und ich den anderen Sender, auf dem mutmaßlich das Spiel übertragen wurde, nicht empfangen kann (besitze nur einen Computer-TV-Stick mit eingeschränkter Programmauswahl), machte ich mich schleunigst auf die Suche nach einem Lifestream im Internet. Wurde auch fündig, aber dann verdeckte eine 15-sekündige Werbeeinblendung Herrn Müllers Drei-Minuten-Tor. Nach einem kleinen Wutanfall pfiff ich auf die moderne Technik und machte mich  auf die Suche nach einer nahegelegenen Kneipe mit konventionellem Fernseher. Dort brachte ich erst einmal die anwesenden Japaner und den Amerikaner auf Linie, damit keiner mein Jubeln stören konnte. Wir einigten uns darauf, für Deutschland zu sein, aber dass es okay sei, sich bei Gelegenheit über Messi zu freuen. Nach den nächsten zwei Toren war Messi dann aber zum Glück auch vergessen.
Ob die Prüfung was geworden ist, werden wir sehen – das Ergebnis des Spiels hat meine Motivation jedenfalls stark beflügelt. Nun hoffen wir mal, dass die Deutschen auch im nächsten Spiel nicht nass werden.

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There is soft rain, there is hard rain, and there is Japan, where the wet air is suddenly condensating and splashing on the ground, only for becoming wet air again soon after. Getting soaking wet in the rain is at least a variation of getting wet by your own sweat, which is a problem particularly to foreigners in Japan. Japanese themselves seem to be widely resistant against wet heat, at least they still look quite neatly and are wearing jackets and longsleaves, while the foreigners prefer to change to a kind of beach fashion.
(Furtheron, the topic of the article is discreetly changing to soccer and the German performance in the World Cup, because of the author's need to write about topics nobody is paying her for to write about).

雨には、小雨とか大雨があります。でも日本の梅雨は、別なことです。湿っている空気は急にコンデンスするかようにして、「ばちゃん」と地面 につきます。それから、しずくはとたんにまた湿気になります。雨でぐちょぐちょになることは、別に悪くないです。今の天気では、雨がなかったら、自 分の汗でぐちょぐちょになりますから。汗をかくことは、外国人の問題かもしれません。日本人は、蒸し暑い天気にかかわらず、ちゃんと背広を着ている。外国 人はビーチに行くかような格好で出かけます。
「続いて、記事のテーマはサッカーのW杯およびドイツチームのパーフォーマンスにかわりますー 昨日の成功に応じて、サッカーについて書きたいというんです」

26.06.2010 | Banzai

Als die Japaner 1:0 gegen Kamerun gewonnen hatten, herrschte hier noch ungläubiges Staunen. Gewonnen? Die eigene Mannschaft, die kaum ein Vorbereitungsspiel für sich entscheiden konnte? Das Spiel gegen Holland dämpfte die neu geborenen Erwartungen leicht, aber seit dem Sieg gegen Dänemark gibt es kein Halten mehr: Im Fernsehen werden die drei Tore täglich mehrfach gezeigt, der zukünftige Gegner Paraguay wird von allen Seiten analysiert, die Spielweisen verglichen, Hoffnungen und Ängste geschürt. Selbst wer sich von Fernsehern weitgehend fernhält, wird Honda und Co. unweigerlich begegnen. Etwa beim Einkaufen, wo mein Lieblingsbier inzwischen „Samurai Blue“ trägt, oder auf den Werbebildschirmen in der Bahn, denen man – eingeklemmt zwischen sauber sortierten Japanern – kaum entkommen kann. Auf wievielen Handy-TVs währenddessen in einer Endlosschleife die Highlights laufen, lässt sich freilich nur vermuten. Aus meinen Worten könnte man schließen, dass mir das alles zuviel ist. Tatsächlich freue ich mich aber sehr für mein Gastgeberland, und drücke ihm auch beim nächsten Spiel die Daumen. Zu Gewissenskonflikten kann das – wenn meine Überlegungen stimmen – ohnehin erst im Halbfinale kommen.
 


Nachdem ich nun dafür gesorgt habe, dass der japanische Erfolg auch hier entsprechend gewürdigt wird, muss irgendwie eine Überleitung zu etwas ganz anderem her. Ich versuchs mal so: Fußball, WM 2010, Südafrika, Vuvuzelas, Lärmbelästigung, Lautsprecher. In Japan scheint es keine Regelung dafür zu geben, wer wann und wo Lautsprecher benutzen darf und welche Meldungen es wert sind, mit 90 Dezibel  durch einem Wohnort zu schallen. Und dann sind die meisten Durchsagen (zumindest für den Großteil der Menschen) auch noch recht überflüssig. Wenn ich etwa vom Bahnhof nach Hause gehe, dann reden auf diesem Weg etwa zehn künstliche Frauenstimmen auf mich ein. „Nishikawaguchi. Passen sie auf den Spalt vor ihren Füssen auf und vergessen sie nichts.“ Tüddeldüdeltüddeldüdeltüddeldüdel-dü - „Vorsicht, die Türen schließen.“ „Der nächste Zug auf Gleis eins fährt um 17.20h in Richtung Tokyo Bahnhof.“ Vogelgezwitscher. „Passen Sie auf, das ist eine Rolltreppe. Passen Sie auf, das ist eine Rolltreppe. Passen Sie auf, das ist eine Rolltreppe....“ „Auf der linken Seite befinden sich die Toiletten. Auf der linken Seite befinden sich die Toiletten. Auf...“ Bahnschranke, Ticket reinschieben: Tüüüt-zack. Oder: Tüüüt-TATA, nachzahlen. Der Aufzug:. „Wir fahren jetzt ins Erdgeschoss.“ Ladenstraße vor dem Bahnhof: „Für den Kunden – mit vereinten Kräften! Für den Kunden – mit vereinten Kräften! Für den...“ Die Ampel: „Kuckuck. Kuckuck. Kuckuck.“ Farbe wechselt: „Es ist grün.“ Andere Ampel: „Zirp. Zirp. Zirp.“ Großer Lastwagen biegt ab: „Biegt nach rechts ab. Biegt nach rechts ab. Biegt...“
Zuhause geht es weiter. Aus den umliegenden Schulen ertönt zu festgesetzten Zeiten aus mysteriösen Gründen die Melodie von „Es ist ein Ros entsprungen...“. Die Chinesen vom Recycle-Shop gegenüber fahren täglich einmal mit dem Kastenwagen durch die Straßen und eine Lautsprecherstimme verkündet in schepperndem Japanisch, das man nun Waschmaschinen, Fernseher, Nachtkommödchen, Herdplatten, Kühlschränke etc. bei ihnen loswerden könne.  Da demnächst Wahlen anstehen, schleicht gelegentlich auch ein Propagandabus vorbei, aus dem Marschmusik und leidenschaftliche Parolen klingen.
Da denk ich doch mit etwas Wehmut an den Stuttgarter Kartoffelmann, der lediglich samstags um 11 Uhr vor meinem Fenster Halt machte und – mit kräftiger Stimme und ohne jeden Lautsprecher – „Ka-tofffen, Eeedbeeen, Eijee“ zum Verkauf anbot. Dank ihm wusste man immerhin: Es ist Wochenende.
 



Auch hier gibt es lautsprecherlose akustische Reize, etwa vom Sportunterricht auf einem Bolzplatz in der Nähe. Zu Beginn oder zum Abschluss ihres Trainings rufen die Schüler, dem Beispiel ihres Lehrers folgend, mehrmals „Banzai“, was „10.000 Jahre“ bedeutet und mich – wegen der Assoziation zum tausendjährigen Reich – zunächst doch sehr irritiert hat. Wikipedia erklärt mir, dass der Ausruf von den Chinesen stammt, dort eine Ehrenbezeugung gegenüber dem Kaiser war und im heutigen Japan als Freudenjuchzer gesehen werden kann – im zweiten Weltkrieg wurde „Banzai“ allerdings auch als Schlachtruf verwendet. Ob die Schüler nun juchzen oder Krieg spielen, weiß ich natürlich nicht.
Dass es zehntausend und nicht tausend Jahre sind, kommt mir sehr gelegen, denn das verweist gleich auf eine Besonderheit in der japanischen Zählweise: Hier werden größere Zahlen nicht in 1000er, sondern in 10.000er Einheiten strukturiert. Das kann die Gehirnzellen bisweilen ganz schön strapazieren: 10.000 verkürzt man in Japan zu 1 „man“, und wenn man es dann etwa mit 1.345 „man“ Yen zu tun hat, und diese in Euro umrechnen soll, ist man schon mal eine Weile damit beschäftigt, die Nullen zu sortieren. Zur Auflösung: plus vier nullen, minus zwei Nullen, macht plus zwei Nullen, die man an 1345 anhängt und damit – beim derzeitig lausigen Stand unserer Währung nur leicht abgerundet –  auf etwa 130.000 Euro kommt.
Nicht, dass ich mich oft mit solchen Summen herumschlagen müsste. Oder das irgendetwas mit Fußball zu tun hätte.

07.06.2010 | Mit Taut im Garten



Vier Mal war ich bereits in Kyoto, doch die Katsura-Villa ist mir bisher immer entgangen. Das lag sicher auch daran, dass man sich für die Besichtigung im kaiserlichen Haushaltsamt anmelden muss: Das klingt doch erst mal nach reichlich Bürokratie. Einer meiner Reisebegleiter - Bruno Tauts Buch "Nippon mit europäischen Augen gesehen" - bewegte mich nun endlich dazu, den Weg auf mich zu nehmen. Denn zur Katsura-Villa, die er 1933 besichtigt hat, schreibt Taut: "Nach allem, was ich  ... an alter Architektur in Japan gesehen habe, ist dieser Bau aus dem 17. Jahrhundert tatsächlich die klassische Architektur Japans, so etwa wie die Akropolis in Athen und ihre Prophyläen und der Parthenon. ... Der moderne Architekt wird mit Erstaunen feststellen, dass dieses Gebäude absolut modern ist, insofern nämlich, als es seine Anforderungen auf kürzestem und einfachstem Wege erfüllt." Seinen nachfolgenden Beschreibungen der räumlichen Gegebenheiten und der Übergänge von Villa und Garten zu folgen, ist mangels eines Übersichtsplans allerdings nahezu unmöglich. Also auf zur Katsura Villa, auf den Spuren von Bruno Taut!
 



Im kaiserlichen Haushaltsamt, das wenig kaiserlich in einer Art Bungalow untergebracht ist, wartet allerdings eine Enttäuschung: Zwar seien noch ein paar Plätze für eine Führung am nächsten Tag frei, doch könne nur die Gartenanlage, nicht das Innere der Villa besichtigt werden. Das stand zwar so ähnlich auch im Reiseführer, doch könnte man für Architekten nicht einmal eine Ausnahme... nein. Nun gut.
Die Führung beginnt nach einem kurzen Film, der die nachfolgende Tour schon mal zusammenfasst (und in dem sogar der Name Bruno Taut fällt), vor dem Eingangstor zum Garten. Die beiden leicht gebogenen Holzstämme (Kork), das Grasdach und die schiere Bescheidenheit dieses Törchens verblüffen gleich mehrfach: Zum einen, da der Europäer sich den Eingang zu einer kaiserlichen Villa aus dem 17. Jahrhundert doch etwas anders vorstellt, zum anderen, da sich nicht ganz erschließen lässt, wo Bruno Taut hier Prinzipien der Moderne verkörpert sah. Doch nun gut, wir sind ja noch am Eingang, da ist es ja gar nicht so verkehrt, mit der Urhütte anzufangen.
 


 
Um nichts zu verpassen, höre ich die Erklärungen des englischen Audioguides trotz gegenteilig lautender Handlungsanweisungen heimlich voraus, um danach dem japanischen Gartenführer lauschen zu können, der tatsächlich mehr zu bieten hat als die Dame auf dem Tonband. Bei seinen Erläuterungen zu der Verlegetechnik der Steine, die durch den Garten mit seinen Pavillons, Teehäusern und der kleinen buddhistischen Halle führen, kapituliere ich allerdings. Während man in Europa zu dieser Zeit eher darauf bedacht war, seinen Reichtum zur Schau zu stellen, scheint man hier vor allem darüber sinniert zu haben, wie man Steine formell richtig aneinander legt. Dennoch sind es weniger die Einzelemente, als deren geschickte Verknüpfung, die diesen Garten ausmachen, oder wie es Taut formuliert, "ohne dass man diese Anlage mit dem Verstand analysiert, fühlt man, dass hier die Kunst des Gartens menschliche Beziehungen und Zusammenhänge und zwar in äußerst verfeinerter Form wiedergibt".
 

Dass die Villa am Ende verschlossen bleibt, ist vielleicht gar nicht so tragisch, denn wenn man sich den Abschnitt zur Katsura-Villa in Tauts Buch nochmals genauer anschaut, wird man feststellen, dass dem Inneren des Wohngebäudes nur wenige Sätze gewidmet sind. Tatsächlich scheint es eher der Garten samt seiner kleinen Architekturen gewesen zu sein, der Taut vom Wert dieser Anlage überzeugt hat, "mit einer Schönheit, die absolut nicht dekorativ, sondern funktionell im geistigen Sinne ist".
Bruno Taut hielt übrigens den Baumeister, Gartenkünstler und Teemeister Kobori Enshu für den Schöpfer dieser Anlage und erklärte ihn kurzerhand zum Genie. Er recherchierte seine Lebensumstände und besuchte sein ehemaliges Wohnhaus, brachte danach allerdings offensichtlich etwas enttäuscht zu Papier: "Mir scheint, dass dort vielleicht nur ein Zimmer, nämlich das Wohnzimmer Kobori Enshus als sein eigenes und reines Werk anzusehen ist." Heute ist bekannt, dass Kobori Enshu selbst am Bau der Villa Katsura kaum beteiligt war, die Anlage in einem Zeitraum von über 50 Jahren entstand und mehrmals verändert und erweitert wurde. Nun gut, man darf sich keine Illusionen machen: Nippon mit europäischen Augen zu sehen bedeutet eben auch, manches Wichtige zu übersehen.
 

07.06.2010 | Mein erster Leserbrief!

"Ich freu mich ja immer besonders über neue Einträge auf deinem Blog (...), und ... dieses Mal fühle ich mich mit deinen poetischen Reflexionen zu Wellblech und alten Kornspeicher ja quasi persönlich angesprochen. Wäre deine Website interaktiv, so mit Kommentarfunktion und Leserbriefseite (...), müsste ich ja ganz dringend zu diesen schwierigen von Dir angesprochenen Fragen eine öffentliche Meinung riskieren... "Zeugt es von einem Mangel an Respekt, die Bauten nicht von den wenig ansehnlichen Anhängseln zu befreien? Ist das Sezieren und Freilegen einzelner Gebäudeschichten nötig, um dem Gebäude gerecht werden? Oder wäre das nur ein lustvolles Lecken am Morbiden?" In der Tat - ist das Sezieren lockender Baugeschichte(n) ein leckeres Lutschen? Entfließt der Feder des Bauforschers und Denkmalpflegers nicht doch meist nur lachhaftes Labern? Lallende Lust - Unbewusst?"

Lieber C.K., tatsächlich hatte ich schon überlegt, den Beitrag dir zu widmen - dass du mich nun ertappt hast, freut mich also um so mehr.  Dass in meinem Blog die Kommentarfunktion fehlt, ist vielleicht wirklich ein Manko... Ich will ja nur nicht, dass sich arme Menschen dazu gezwungen fühlen, unter meine Blogeinträge einen Kommentar zu setzen, weil ich ihnen sonst nicht mehr zum Geburtstag gratuliere. Aber es gibt ja immer Mittel und Wege, das Statische interaktiv werden zu lassen - wenn man natürlich auch einwenden kann, dass es nicht ganz zeitgemäß ist, wenn ich als Big Sister die Hand darauf habe...

12.05.2010 | Kura in Tochigi


In Japan gibt es nur wenige Gebäude, die älter sind als 200 Jahre –  traditionell wurde hier ja nicht mit Stein, sondern mit Holz gebaut, und selbst widerstandsfähige Gebäude  wurden oft ein Opfer der Brände, die den stärkeren Erdbeben folgten. Ziegel haben es in Japan nie zu einer besonderen Beliebtheit gebracht, da sich konventionell gemauerte Wände beim Plattenzittern kaum bewährt haben. Holz brennt, Lehm- und Ziegelwände fallen um – kein Wunder, dass Japan spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg im Stahlbetonzeitalter angelangt war, und davon beim Wiederaufbau (=Neuaufbau) reichlich Gebrauch machte.
Je nachdem, wie stark eine Stadt im Krieg zerstört worden ist, aber auch abhängig davon, wie sehr sie sich danach dem wirtschaftlichen Wachstum beugen musste, finden sich in einigen Städten noch traditionelle Bauten. Etwa die "Kura" (Speicherbauten) in Tochigi, die weitgehend aus der Edo-Zeit stammen. Sie gehörten einzelnen reichen Familien, die dort Reis bzw. Seidenstoffe und Kimonos einlagerten. Unter ihnen finden sich auch viele "Ishigura", also aus größeren Steinen gemauerte Speicherbauten: Die Kostbarkeiten sollten schließlich unbedingt vor Feuer geschützt werden.
 


Die Bauten sind unterschiedlich gut erhalten: manche stehen zusammenhanglos und halb verloren zwischen Bauten der Nachkriegszeit, andere bilden eigene kleine Stadtviertel und wurden meist liebevoll  aber immer auch mit einem Augenmerk auf die jeweiligen Nutzerwünsche  restauriert. An manchen Ecken schließen die Kura auch unmittelbar an Gebäude neueren Datums an, oder wurden an den Wetterseiten mit dem in Japan sehr beliebten Wellblech bekleidet. Statt um jeden Preis die Patina eines Gebäudes zu erhalten oder gar künstlich wiederherzustellen, scheinen diese Gebäude eher einem natürlichen Prozess ausgesetzt. Zeugt es von einem Mangel an Respekt, die Bauten nicht von den wenig ansehnlichen Anhängseln zu befreien? Ist das Sezieren und Freilegen einzelner Gebäudeschichten nötig, um dem Gebäude gerecht werden? Oder wäre das nur ein lustvolles Lecken am Morbiden? Vielleicht sind diese Bauten ganz froh, dass ihnen keine Geschichten aufgedrängt werden, derer sie vielleicht schon lange müde geworden sind. Dass sie Dinge einfach vergessen dürfen, um zu sein, was sie geworden sind – nicht, was sie gewesen sind.
 




P.S. Für die Kura in Tochigi hege ich auch aus persönlichen Gründen Zuneigung: Zum einen, weil von dort die Erdbeeren des nahegelegenen Supermarktes stammen (mjam), zum anderen weil mein zu langer Vorname mittlerweile von einigen Japanern zu "Kura"-chan transformiert wurde.


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The "Kura" in Tochigi (north of Tokyo) are small to medium sized buildings which were used by rich families to store rice, kimonos or other belongings. As Tochigi wasn't too hardly hit by the air raids of the second world war, many of those old buildings survived.

栃木市の蔵ですー 下町で色々な江戸時代に建てられた蔵が見つけられます。おおや石で作った蔵もたくさんあります。改修された蔵は多いいんだけれど、たまに哀れなビルもあります。ですから、両方があるから、建てられた時代も、元の格好も分かります。

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